Unsere Mitschwestern Marianne Stöger und Margarete Pissarek - beide aus Tirol
lebten mehr als 40 Jahre bei den ausgesonderten Leprakranken
auf der südkoreanischen Insel Sorokdo.
Heute ist diese Insel offen und Lebensraum vieler Geheilter.
In Österreich sind die beiden Schwestern weitgehend unbekannt,
in Südkorea jedoch Ehrenbürgerinnen und populär
unter dem Namen „die Engel von Sorokdo“.

Beide Schwestern sind heute über 80 Jahre,
leben in Matrei am Brenner und in Innsbruck und sagen übereinstimmend:
„So würden wir es wieder machen.“

Gehorsam heißt für uns auf Gott zu hören und darauf zu achten,
was Gott jetzt von dir will.
Das gibt dir einen langen Atem und ein erfüllte Leben“,
sagt Sr. Marianne.

Auch 3 weitere Schwestern waren Jahre in Südkorea im Dienst an Leprakranken.

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GOTT

„Gott hat uns zu diesem Dienst gerufen“, erzählen Sr. Marianne und Sr. Margit,
die beide in der Zwischenkriegszeit geboren sind.
„Mein Leben wäre nichts gewesen ohne Gott“, beteuerte Sr. Marianne ihrer Gemeinde,
als sie heuer die Insel vermutlich zum letzten Mal in ihrem Leben besuchte:
„Er war uns immer nahe und hat es uns immer neu gezeigt
durch das Leiden Christi am Kreuz. Er ist in Schmerzen gestorben,
deshalb können wir mit Freude unser Leben und unseren Glauben leben.
Wenn man das versteht und erkennt, dass Jesus in uns lebt,
dann kann man jeden Menschen lieben.“
Wie ein roter Faden zieht sich die Treue Gottes durch ihr Leben.

 
ELTERNHAUS - ERZIEHUNG
Für beide Schwestern waren es die Eltern die für sie gesorgt
und ihnen gegeben haben, was sie mit ihren Möglichkeiten konnten.
„Vor allem waren sie immer mit ihrem Beispiel da.“
Sie haben uns behütet und beschützt“, berichten Margit und Marianne.
Die ersten zehn zwölf Jahre ­– die Jahre ihrer Kindheit –
waren die unbeschwertesten Jahre ihres Lebens.
Es waren „gute“ Eltern, wie sie sagen,
die mehr oder weniger religiös waren, aber sie waren „gut“.
 
 HÖREN
Auf ihre Eltern zu hören war den Schwestern ebenso wichtig,
wie das Hören auf Gott.
Gewiss ist für sie, dass der Mensch „nur im Hören
die richtige Antwort erfährt“.
Sie hören auf ihren Herzenswunsch und werden Krankenschwestern.
Sie hören auf ihren Beichtvater und treten einer Gemeinschaft bei.
Sie hören zeitlebens darauf, was Gott von ihnen im Augenblick will. 
 
 ORDEN
Die Säkulargemeinschaft der Ancillae Christi Regis -
Dienerinnen Christi des Königs -
ist eine von vielen geistlichen Berufungen in der katholischen Kirche.
Armut – Ehelosigkeit – Gehorsam sind die Eckpfeiler ihres christlichen Lebens.
Zur Armut kommt noch die Einfachheit. Ehelos muss man sein,
sonst kann man sich nicht hundertprozentig einsetzen.
Und den Gehorsam brauchen wir vor allem gegenüber Gott“,
sind die Schwestern überzeugt.
„Natürlich fragten wir auch die Leiterin,
ob wir eine Aufgabe übernehmen sollen“.
 
RUF GOTTES
Ruf Gottes war für sie das Beispiel der Eltern und die Worte des Priesters:
„Was steht ihr da und schaut? Geht in die Welt! Die braucht euch!“
Marianne war dreizehn, als sie das gehört hat und da hat sie gewusst,
dass sie für die andern da sein will. Und Margit ergänzt:
“Schon sehr früh habe ich mich entschlossen, für Gott ehelos zu leben
und mein Leben für die anderen zu leben.“
 
SOROKDO

Die kleine, nur vier Quadratkilometer große südkoreanische Insel Sorokdo
kannten die Schwestern nicht und doch wurde sie ihnen
für 43 Jahre zur Heimat.
Unter der japanischen Besatzung waren dort
Gefangene und Kranke interniert.
Sie wurden schlimm misshandelt.
Als die Schwestern 1959 ankamen, lebten dort
über 6.000 Leprakranke wie eine Familie in sieben Dörfern,
ganz primitiv und abgesondert. Auch ihre richtigen Familien
wollten nichts von ihnen wissen.
2005 kehrten die Schwestern zurück.
Heute leben noch 651 erkrankte Menschen auf Sorokdo.

 
ANCILLAE CHRISTI REGIS

Vor genau 90 Jahren wurde die Schwesterngemeinschaft
„Ancillae Christi Regis“ gegründet. Über 100.000 Arbeitslose
lebten damals in Wien.
Der Priester Leopold Engelhart sah die Not der Menschen
und erkannte auch, wie überfordert die Priester mit dieser Situation waren.
„Helfer brauchen wir!“, sagte er, und sammelte Frauen um sich,
die bereit waren, ihnen zur Hand zu gehen.
So entstand  die Schwesterngemeinschaft, die wie Maria
„auf Christus hören und sein Werk fortführen will“.

 
 MUTTER
Muttersein stand vor allem am Anfang des Wirkens in Sorokdo.
Der Bischof in Südkorea wollte nicht weiter zusehen,
wie Frauen auf der Insel zu Abtreibungen und Sterilisationen gezwungen wurden.
Mit Zustimmung des Lagerleiters bat er um Krankenschwestern.
So kamen aus Tirol die ersten Schwestern,
darunter 1959 Sr. Margit und 1962 Sr. Marianne.
Sie arbeiteten in einem primitiven Haus,
wo sie die gesunden Kinder versorgten, die außerhalb des Lagers aufwuchsen.
Den Schwestern verdanken viele Kinder ihr Leben.
Nach drei Jahren durften sich auch die Eltern selbst
um ihre Kinder kümmern

 

 

 GEMEINSCHAFT

„In Sorokdo waren wir eine Gemeinschaft, eine kleine Gemeinschaft.
Das war eigentlich eine Ausnahme“, erzählen die Schwestern,
„es gab einen mexikanischen Priester aus Guadeloupe.
Der hat uns Einkehrtage gehalten und war unser Beichtvater“.

 
 INSEL - ISOLATION
Am 25. September 2015 wurde die Insel Sorokdo durch eine Brücke
mit dem Festland verbunden. Die Isolation der „Aussätzigen“
hat damit nach außen ein Ende.
Die innere Isolation braucht noch viel Geduld und Zeit.
Eva Oberhauser von der Katholischen Frauenbewegung Österreich
war im Sommer 2016 in Sorokdo:
„Einer der Entstellten erzählte mir nach der gemeinsamen Messe,
dass ihn die Schwestern gefüttert hatten, wie ein Kind.
Ein Löffel für Papa, ein Löffel für Mama. Er überlebte.
Er war so glücklich zu leben. „Er war glücklich, dass ich aus dem Land komme,
wo die beiden her sind. Und er umarmte mich. Ganz fest.“
 
 BEISPIEL
Das Beispiel ihrer Eltern hat Marianne und Margit den Anstoß gegeben.
Die Mitschwestern und Priester ebenso. Sie selbst sind für die Menschen in Sorokdo,
für die Ärzte und das Pflegepersonal und die Behörden in Südkorea
Vorbild geworden. Sie sehen, dass die heutige Not in aller Welt
noch viele Menschen braucht, die aufstehen und gehen.
 
 TIROL
„Ich war sechs Monate in England, damit ich sehe,
ob ich ohne die Berge leben kann“, erzählt Sr. Marianne.
„Tirol und Südkorea sind grundverschieden.
Mit Gottes Hilfe kann man überall leben“, lächelt Sr. Margit.

 

 

LEPRA

Morbus Hansen.
Hinter diesem Wort verbirgt sich die vielerorts gefürchtete Lepra.
Es bedarf einer guten Hygiene und ausreichender Ernährung,
um sie zu bekämpfen. „Wir haben uns nie angesteckt.“
Schutzkleidung gab es für sie damals keine.
Die beiden Schwestern pflegten die Patienten mit bloßen Händen,
während die Ärzte aus Angst vor Ansteckung jeden Kontakt mieden.
Über Lepra existieren immer noch viele Vorurteile.

 
ANERKENNUNG
Mehrere Auszeichnungen und Preise haben die Tiroler Schwestern bekommen.
Sie sind Ehrenstaatsbürgerinnen von Südkorea,
unter denen es nur drei Ausländer gibt.
„Meine größte Freude war es jedesmal, wenn Patienten entlassen wurden“,
erzählt Sr. Marianne. „Die Patienten durften die Insel verlassen
und konnten nach Hause zurückkehren.“
 
NÄCHSTENLIEBE
„Das Evangelium Christi hat uns die Kraft geschenkt, durchzuhalten
und für die Kranken da zu sein.“ Jetzt ist das Werk eine Verkündigung,
ein Beispiel zum Handeln im Sinne des Evangeliums.
Margit und Marianne gingen als Krankenschwestern
und wurden zu Missionarinnen, weil sie durch ihr Tun
die Liebe Christi den Menschen vorlebten.
Die Insel ist jetzt zugänglich. Die Regierung hat inzwischen
das Unrecht anerkannt und trägt die Krankheitskosten.
Den Opfern wurde erst kürzlich Schadenersatz zugesprochen.
 
GEBET
„Ich brauche immer eine Zeit der Stille, des Gebetes“,
sagt Sr. Marianne. Beiden Schwestern ist es ein Opfer,
Dank anzunehmen, „weil es ja selbstverständlich ist, was wir tun“.
 
EINFACH
Immer wieder kommen die Worte: „Das ist ganz einfach!“
 
NACHHALTIGKEIT
Die Tiroler Schwestern haben auf der koreanischen Leprainsel gegeben,
was sie geben konnten. Als sich das Pensionsalter näherte
und eine der beiden erkrankte, kehrten sie nach Tirol zurück.
„Wir mussten zurückkehren! Wir wollten nicht
den Menschen in Sorokdo zur Last fallen.“
Und: Die Pension wird nur in Österreich ausbezahlt.

 

 

ABSCHIED

Sr. Marianne und Sr. Margit verließen Sorokdo in aller Stille.
Sie hinterließen nur einen kurzen Brief an die Menschen von Sorokdo:

,,Wir haben mit unseren Kollegen gesprochen und gesagt,
dass wir vielleicht weggehen müssen, bevor wir zu alt und
zu einer Last für andere werden. Wir dachten, dass es nun
an der Zeit sei, unseren Worten Taten folgen zu lassen.
Danke für den großen Respekt und die Liebe,
die Sie uns entgegengebracht haben, und bitte vergeben Sie uns,
falls wir als Nichtkoreanerinnen jemals Ihre Gefühle verletzt haben sollten.“

Sie wissen um ihr Werk, aber sie trauern nicht wehmütig.
„Seit meiner Kindheit lebe ich in der Gegenwart.
Nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft.
Ich lebe in der Gegenwart. Es war eine wunderschöne Zeit,
aber es ist vorbei“, sinniert Sr. Margit.

 
TREUE
Die Schwestern sind Gott treu geblieben.
Sie sind ihrer Berufung treu geblieben.
Menschen wurden geheilt. Geheilte kehrten nach Hause zurück.
Treue zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben.
Treu bleiben sie im Aufopfern ihrer Leiden, ihres Alters, im Gebet.
 
ENGEL VON SOROKDO
In unseren Breiten sprechen wir von Engel als unsichtbaren Boten Gottes.
Für die Menschen auf Sorokdo sind Marianne und Margit lebendige Boten.
Sie brachten Zuwendung, Aufmerksamkeit und Heil.
Sie waren Boten aus einem fernen Land – aus Österreich, aus Tirol.
In Südkorea werden sie schon seit vielen Jahren als „Engel von Sorokdo“ erkannt.
 
MARIA
Maria ist die erste Dienerin. Sie lebt uns vor, wie es richtig geht.
„Maria ist die Größte, aber sie hat eigentlich nur Gott gedient.“